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Norbert Hummelt
geb. 1962, lebt in Lohmar.
Hummelt veröffentlichte Essays zur Romantik und Moderne. 1993 erschien knackige codes, 1997 singtrieb und 2001 der Gedichtband Zeichen im Schnee. Bei seinem letzten Projekt Die Weiterreise verkuppelt er eigene Gedichte mit der Musik Schuberts. Hummelt wurde u.a. ausgezeichnet mit dem Rolf.Dieter-Brinkmann-Preis (1996) und erhielt 2002 das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
Foto: © Jürgen Bauer
Felix Timmermans: Das Triptychon von den Heiligen drei
Königen
Eichendorff, Benn, Eliot, Jandl haben Bücher geschrieben, die
mich tief beeindruckten. Wenn ich aber ein einzelnes Buch
nennen muß, das mich geprägt hat, so ist es eins, das viel
früher zu mir kam und das heute kaum noch jemand kennt. Es
ist von dem flämischen Dichter Felix Timmermans und
heißt „Das Triptychon von den Heiligen drei Königen“. Sucht
man in den Antiquariaten bei der Insel-Bücherei, findet sich
manches von diesem Autor, der im katholischen Milieu viel
gelesen wurde, gerade weil er auf dem kirchlichen Index
stand; wegen der Freizügigkeit seines Romans „Pallieter“. Die
vermeintlich harmlose Geschichte vom Bettler Schrobberbeeck,
vom Hirten Suskewiet und vom Aalfischer Pitjevogel, die als
Dreikönige verkleidet über die Dörfer Flanderns ziehen, um
Geld für Schnaps zu sammeln und in der Dämmerung des
Weihnachtsabends auf die heilige Familie treffen, die
frierend in einem zerlumpten Kirmeswagen hockt, glaubte man
mir dagegen getrost vorlesen zu können und ahnte nicht, daß
ich mich daran mit Poesie infizieren könnte, einer Krankheit,
die nur schwer ausheilt. Mein Vater las es mir vor, meist an
drei Abenden, denn nach Art eines Klappaltars ist
das „Triptychon“ in Mittelstück, linken und rechten Flügel
unterteilt. Dann kam der Tag, an dem ich selbst zum Vorleser
wurde, bei einer Weihnachtsfeier der KAB. Mehr schlecht als
recht hatte ich bisher als Klavierbegleiter zur
Adventsstimmung der katholischen Arbeitnehmer beigetragen.
Nur selten gelang mir eine fehlerfreie Strophe. Nachdem ich
jedoch erstmals das Mittelstück des „Triptychon“ vorgelesen
hatte, war ich von der Last des Klavierspielens befreit.
Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, in denen der Eindruck
dieses Buches auf mich nicht schwächer geworden ist. In
seiner klaren und einfachen Sprache, die das Wunderbare auf
festen Boden stellt und immer rührend und komisch zugleich
ist, liegt eine hinreißende sanfte Gewalt.
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