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Literaturland Nordrhein-Westfalen: ? - !
von Michael Serrer

Dass Nordrhein-Westfalen das Mekka des bundesdeutschen Literaturlebens wäre, kann leider niemand behaupten. Aber warum ist das so? Warum hat das bevölkerungsreichste Bundesland, das laut einer UNESCO-Studie zu den fünf bedeutendsten Kulturregionen der Welt gehört, keine literarische Szene, die international beachtet würde? Warum denkt man bei Kultur aus NRW z.B. an Tanz, aber nicht an Dichtung?
Der Grund hierfür liegt auf der Hand, und er ist schlicht materiell: Die Kunst geht, wie wir spätestens seit Lessing wissen, nach Brot. Und der Brot- bzw. Brötchengeber des Autors ist der Verleger. Nicht dass es an solchen in Westfalen und im Rheinland mangeln würde; aber die wichtigsten belletristischen Verlage sitzen aus historischen Gründen andernorts, in Frankfurt und München, Hamburg und Berlin. Die auch in der Literaturszene verbreitete Fähigkeit, sich moderner Kommunikationsmittel wie des sogenannten Telefons oder gar elektronischer Post zu bedienen, führte bislang nicht dazu, dass die Bedeutung dieser Zentren geschwunden wäre. Es ist eben doch nicht egal, wo die Literatin, wo ihr Lektor leben.
Wer Autorennamen mit den Gegenden zwischen Aachen und Bielefeld assoziiert, dem fallen Verstorbene ein (aus dem vorletzten Jahrhundert: Annette von Droste-Hülshoff, Heinrich Heine, aus dem letzten: Rose Ausländer, Heinrich Böll) oder Weggezogene (Dieter Forte nach Basel, Marcel Beyer nach Dresden; Norbert Hummelt, Emine Özdamar, Christoph Peters, Michael Roes und Ralf Rothmann nach Berlin). Einige wenige scheinen wohl doch den Sirenenklängen ferner Metropolen zu trotzen und hier zu bleiben, und eine noch geringere Zahl kommt sogar freiwillig her. War's das? Nein.
Wer auch nur kurz in die vierbändige Anthologie "Literatur in den Rheinlanden und in Westfalen" blickt, wird eines Besseren belehrt: Hierzulande wurde und wird geschrieben, auf hohem Niveau, disparat, desperat, unterhaltsam, verärgernd, klug. Und wer die Nase aus der Anthologie hebt und in die (rheinische) Welt guckt, genauer: nach Köln, der sieht sogar Schriftstellerinnen und Schriftsteller, lebende; und nirgendwo sonst so viele wie hier – einer Untersuchung zufolge leben zwei Drittel aller nordrhein-westfälischen Literaten in der Domstadt. Hier schrieb Heinrich Böll, der Nobelpreisträger von 1972, der Autor, der die bundesdeutsche Gesellschaft und Literatur geprägt hat wie kein anderer; hier arbeiten seit Jahrzehnten z.B. Jürgen Becker und Dieter Wellershoff (der Darmstädter Akademie seien diese Namen ins Gedächtnis gerufen), oder auch, weniger lang, da weniger lang auf diesem Planeten, Nika Bertram, Brigitte Doppagne, Nevad Kermani, Roland Koch, Thorsten Krämer, Ulla Lenze, Selim Özdogan.
Warum leben die Genannten und die vielen Ungenannten allesamt in Köln? Nach dem oben Gesagten liegt die Vermutung nahe: weil es hier belletristische Verlage gibt. Dem ist so. Und doch ist das nicht der Hauptgrund. DuMont, unter dessen Autoren sich auch Romanciers und Lyrikerinnen befinden, hat eine solche genuin literarische Strahlkraft noch nicht entwickeln können, und selbst die magnetische Wirkung von Kiepenheuer & Witsch, seit einem halben Jahrhundert hier ansässig, dürfte trotz der Qualität des Programms nicht ausreichen. Wer vor allem die Schreibenden nach Köln lockt, ist eine Institution, die hier seit 1956 beheimatet ist: der WDR.
Er bietet nicht nur vielen Schriftstellern die Möglichkeit, freiberuflich, mit Reportagen oder Features Geld zu verdienen, mit der Produktion von Worten also statt z.B. mit Taxifahren; der Sender war auch von Anfang an Auftraggeber für die Textform, die dem Medium Radio angemessen ist: für Hörspiele. Dieter Kühn und Dieter Wellershoff, Gisbert Haefs und Erasmus Schöfer, sie alle haben für die größte deutsche Landesrundfunkanstalt kunstvolle Texte geschaffen, Kölner Autoren wie Walter Adler und Jürgen Becker haben der Gattung Hörspiel entscheidende Impulse gegeben. Das mittlerweile dichte Netz von Lokalradioprogrammen ist für die Hörspielautoren bei weitem nicht so hilfreich wie die Arbeit des WDR und des ebenfalls in Köln angesiedelten Deutschlandfunks.
Auch jenseits der öffentlich-rechtlichen Sender ist Köln in den letzten Jahren zu einem Zentrum der elektronischen Medien geworden: RTL und Vox und sind laut eigenem Bekunden hungrig nach "content" aus den Federn bzw. Laserdruckern ihrer oft kölnischen Wortlieferanten.
Rundfunk und Fernsehen haben dazu beigetragen, eine weitere literarische Form zu etablieren, die in Nordrhein-Westfalen offenbar besonders gut gedeiht: das politische Kabarett. Von Kay und Lore Lorentz mit ihrem Kom(m)ödchen über satirische Liedermacher wie Dieter Süverkrüp oder die Gruppe "Floh de Cologne" bis zu Heinrich Pachl oder dem Rocktheater "Nachtschicht", sie alle fanden bzw. finden hierzulande sowohl fruchtbaren Humus für ihre Kleinkunst, die mitunter große Kunst ist, als auch ein begeistertes Publikum. Die Liste läßt sich ergänzen um Namen aus sämtlichen Regionen NRWs: Konrad Beikircher, Rainer Pause und Norbert Alich aus Bonn, Jürgen Becker und Richard Rogler aus Köln, Volker Pispers aus Düsseldorf, Rüdiger Hoffmann aus Paderborn sowie der verstorbene niederrheinische Großmeister Hanns Dieter Hüsch.
Neben Hörspielen und politischen Satiren werden auch noch weitere Literaturformen in Nordrhein-Westfalen in großem Umfang und auf hohem Niveau produziert, zum Beispiel Kinder- und Jugendbücher. Hierzulande (und übers Land verstreut) schreiben Martin Baltscheit (Düsseldorf) und Willi Fährmann (Xanten), Inge Meyer-Dietrich (Gelsenkirchen) und Mirjam Müntefering (Dortmund), Josef Reding (Dortmund) und Jutta Richter (Ascheberg), Tilman Röhrig (Hürth) und Hermann Schulz (Wuppertal). Das hat übrigens auch wieder etwas mit der materiellen Seite, dem Literaturbetrieb, zu tun: 37 Kinder- und Jugendbuchverlage sind zwischen Maas und Weser beheimatet.
Bei dieser Gelegenheit lohnt es sich, doch noch einen genaueren Blick auf die Verlagslandschaft zu werfen: Immerhin sind von den 100 größten deutschen Verlagen 19 in NRW beheimatet, neben den genannten Kölner Häusern z.B. auch Bastei-Lübbe und Patmos. (Der mitunter erfolgende Hinweis auf Bertelsmann und dessen Stammhaus in Gütersloh ist leider eher Etikettenschwindel; das größte Buch- und Verlagshaus der Welt wird von München aus geleitet, die Fachverlage sitzen zumeist in Wiesbaden.) Der dritte Kulturwirtschaftsbericht der Landesregierung hat gezeigt, dass der Buchmarkt als größter Teilbereich im Beobachtungszeitraum (immerhin 14 Jahre) um ein Drittel stärker gewachsen ist als die Gesamtwirtschaft. Es dominieren hierzulande allerdings die Fach- und Wissenschaftsverlage (in diesen Bereich gehören 80% der produzierten Titel). Aus historischen Gründen lag der Schwerpunkt im Verlagswesen vor 1933 im Bereich Schulbücher und religiöse Literatur; Häuser wie Bachem zeugen noch heute davon, und in diesem Milieu sozialisiert wurde kein Geringerer als der heutige Bundespräsident. Nach 1949 gingen dann aus naheliegenden Gründen rechts- und staatswissenschaftliche Verlage nach Bonn, in die Nähe von Legislative und Exekutive.
Unter den vielen kleineren Verlagen existieren auch solche mit einem individuellen literarischem Profil, so der auf Übersetzungen spezialisierte Verlag Straelener Manuskripte oder auch Kleinheinrich in Münster, Weidle in Bonn, die altbewährte Eremitenpresse und der junge Lilienfeld Verlag in Düsseldorf, die allesamt exquisite Texte adäquat gestalten.
Nicht vergessen werden darf auch der Dortmunder Grafit Verlag, zeigt er doch beispielhaft, wie ein Verlag eine literarische Szene neu positionieren oder gar erst erschaffen kann. Seit 1989 wird dort Kriminalliteratur publiziert, mit wachsendem Erfolg beim Publikum wie bei der Kritik. In diesem Verlag, aber auch bei anderen (z.B. Emons in Köln) publizieren Autorinnen und Autoren wie Sabine Deitmer (Dortmund), Horst Eckert (Düsseldorf), Petra Hammesfahr (Kerpen) und das Trio Leenders/Bay/Leenders (Kleve). Die regionale Verbundenheit der Schreibenden (z.B.: Jacques Berndorf zur Eifel) wird zum Programm: die Leserinnen und Leser goutieren, dass in den Kriminalromanen ihre eigene (städtische oder ländliche) Umwelt wiedererkennbar ist.
Dieses Bedürfnis, über das eigene, jeweils besondere Leben in der Literatur zu lesen oder selbst darüber zu schreiben, hat in Nordrhein-Westfalen eine lange Tradition. An vielen Orten begab und begibt sich Mundartdichtung auf die Suche nach regionaler Identität. - Programmatisch anspruchsvoll, in der Praxis aber zumeist unbefriedigend gestaltete sich der vor 40 Jahren im "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" begonnene Versuch, Arbeitsabläufe und soziale Konflikte der industriellen Produktion literarisch zu gestalten. Literatur als Expedition ins Herz der kapitalistischen Finsternis, das war auch das Programm der Enthüllungsreportagen Günter Wallraffs in den 70er Jahren. Die "Selbstverständigungstexte", die literarische Auseinandersetzung mit den Alltagsverhältnissen, trafen seinerzeit auf ein großes Interesse, das aber mittlerweile erschöpft ist - oder besser: sich verlagerte; denn was die Pop-Literatur zu Beginn des dritten Jahrtausends für viele Leser reizvoll machte, war gerade dieses Wiedererkennen der eigenen Lebenswirklichkeit - allerdings nicht mehr (wie in den 70ern) die eines Produzenten, sondern die eines Konsumenten industrieller Produkte.
Das ursprünglich proletarische (und auf Gesellschaftsveränderung abzielende) Motto "Schreib das auf, Kollege" hatte sich Anfang der 80er Jahre verselbstständigt; überall im Lande entstanden Schreibzirkel, oft mit großem Nutzen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Jedoch bestand dieser Nutzen zumeist in intensiverer Selbsterfahrung; den Schritt, ästhetische Probleme ernst zu nehmen und sich an ihnen abzuarbeiten, unternahmen nur wenige. Heute, 30 Jahre nach Beginn der Schreibbewegung, dürften sich zwischen Bad Salzuflen und Bad Godesberg an die 200 Schreibgruppen privat, in Stadtbüchereien oder Volkshochschulen regelmäßig treffen.
In der enthusiastischen Frühphase der Schreibbewegung gezeugt, waren auch die Literaturbüros zunächst unterschiedslos als Helfer für literarische Laien wie für die professionellen Autorinnen und Autoren gedacht. Schon bald aber zeigte sich, dass diese Hilfe differenziert eingesetzt werden musste. So entwickelten die vier nordrhein-westfälischen Büros Seminare für Schreibwerkstättenleiter sowie formalisierte Hinweise für Freizeitautoren und vor allem ein Weiterbildungsprogramm für Schriftsteller, das auf deren genuine Fähigkeiten und Probleme abgestimmt ist.
(Denn auch literarisches Schreiben kann – bei vorhandenem Talent – gelernt und verbessert werden. Dass man an vielen Musik- und Kunsthochschulen in Deutschland lernen kann, professionell zu tanzen, zu malen, zu komponieren, zu musizieren, wobei man von Meistern des jeweiligen Faches angeleitet wird, dass man das Schreiben von Gedichten oder Romanen aber fast nirgendwo in Deutschland handwerklich erlernen kann - das ist ein Treppenwitz der Geistesgeschichte, über den schon lange niemand mehr lachen kann. Dem bevölkerungsreichsten Bundesland stünde ein Literaturinstitut vorzüglich zu Gesicht.)
Der Aufgabe, die Literatur in NRW zu fördern, wurden die Literaturbüros zudem gerecht, indem sie sich im Laufe der Jahre zu den mit Abstand größten literarischen Einzelveranstaltern entwickelt haben, mit Jahresumsätzen, die in die Millionen gehen. Sie konzipieren und organisieren landesweite Tagungen, stellen internationale Autoren auf Lesereisen vor und ermöglichen Dialoge zwischen den Künsten.
So organisiert das Büro in Unna, das auch die unverzichtbare Informationszeitschrift "LitForm" herausgibt, das herausragende internationale Krimi-Festival „Mord am Hellweg“, das Detmolder Büro zeigt im oft vergessenen Landesteil Lippe weithin beachtete „Wege durch das Land“ auf und veranstaltet die interdisziplinären "Schwalenberger Literaturgespräche", das Büro in Gladbeck engagiert sich besonders in der Weiterbildung von Autoren und kämpft für ein "Europäisches Literaturhaus Ruhr", und in Düsseldorf organisiert das mit fast 30 Jahren älteste Büro den „Literarischen Sommer“ am gesamten Niederrhein und motiviert auf vielfältige Weise Kinder zum Schreiben. (Und das sind nur Ausschnitte aus den vielfältigen Aktivitäten, wie ein Blick auf die Websites zeigt.)
Die Effektivität der Arbeit der Literaturbüros beruht auf ihrer dezentralen Struktur, die dem Flächenland Nordrhein-Westfalen adäquat ist. In den vielen kleinen und großen Gemeinden, in den Innenstädten und Vororten veranstalten auch die öffentlichen Büchereien Lesungen; die Hauptaufgabe der 2.600 Bibliotheken besteht aber natürlich in der Bereithaltung der Bücher und sonstiger Medien für die Bevölkerung. Immer wieder sind in den Kommunen Abwehrkämpfe gegen die Kämmerer zu führen, die Stadtteilbüchereien als bevorzugtes Objekt für Kürzungen auserkoren haben. Dass gerade hier auf nachhaltige Weise Lese- (und indirekt auch Schreib-)förderung betrieben wird, gerät dabei aus dem Blick, angesichts vermeintlich wichtigerer Aufgaben. Dabei ist gerade unter ökonomischen Aspekten jede Kürzung in diesem Bereich verheerend: Wie soll eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft funktionieren, wenn die Kulturtechnik des Lesens (und damit des differenzierenden Verstehens) nicht mehr beherrscht wird?
Literaturvermittlung findet in Nordrhein-Westfalen in vielen Kommunen auf unterschiedliche, oft auch spektakuläre Weise statt; so organisieren die Düsseldorfer Buchhändler alljährlich den "Bücherbummel" samt Kulturprogramm auf der autofreien Kö, der eine halbe Million Besucher anlockt; Köln feiert die "lit.cologne". In kleinerem Format veranstalten viele Gemeinden Literaturtage. Dazu kommen Autorentreffen, die seit langen Jahren eingeführt sind und den Zuhörerinnen und Zuhörern internationale Dichtkunst vorstellen wie das Münsteraner Lyrikertreffen. Die mehreren hundert Buchhändler in allen Regionen NRWs tun ihren Teil dazu, dass das literarische Leben hierzulande nicht nur auf dem Lesesofa stattfindet - manche weniger, manche mehr; zu letzteren gehören im rheinischen Raum z.B. die Buchhandlungen Backhaus in Aachen, Bittner in Köln sowie Müller und Böhm in Düsseldorf.
Regionale Verankerung und Internationalität schließen einander nicht aus, das beweist nicht nur die deutsche Literatur der letzten 50 Jahre (nach dem Motto: je regionaler, desto globaler) mit Böll, Grass und Walser, das beweist nicht nur der Buchhandel, der schon im 16. Jahrhundert enge Verbindungen nach Italien pflegte, das beweisen nicht nur die Literaturbüros. Internationalität ist für viele literarische Institutionen in NRW Programm, sei es für das neue Literaturhaus Köln, sei es das Haus für Sprache und Literatur in Bonn, das auch nach dem Wegfall der Hauptstadtfunktion seine wichtige Funktion behält, sei es für das Künstlerdorf Schöppingen mit seinen Stipendiaten. Das von Norbert Wehr herausgegebene "Schreibheft", eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste deutschsprachige Literaturzeitschrift, präsentiert den Leserinnen und Lesern immer wieder Entdeckungen aus der gesamten literarischen Welt; es erscheint in Essen, wo außerdem (wie in Düsseldorf und Paderborn) seit langem ein wechselnder "poet in residence" das Vorlesungsprogramm der Universität bereichert. Internationalität ist erst recht Programm für einen an unauffälliger Stelle installierten, aber hochkarätigen Edelstein in der Krone der nordrhein-westfälischen Kultur: das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen.
Die literarische Szene in NRW ist also vielgestaltig; Gleiches gilt für die Bemühungen des Landes, dem Verfassungsauftrag, Kunst und Kultur zu fördern, im speziellen Fall der Literatur gerecht zu werden. Es vergibt Arbeitsstipendien und verleiht Förderpreise, es unterstützt viele der genannten Organisationen und Initiativen, und natürlich wünscht jede von ihnen, es würde noch mehr tun. Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege und die Kunststiftung des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützen größere literarische Projekte, vor allem Buchpublikationen und Manuskriptankäufe. Die Landschaftsverbände bemühen sich ebenfalls um die Literatur, vor allem um die Sicherung literarischer Nachlässe; das angeblich langsame Westfalen ist mit seiner Literaturkommission den Rheinländern hier um einiges voraus, aber die letzteren verringern im Moment den Abstand: Sie bauen das Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut zu einem Archiv für rheinische Literatur aus.

Wenn dies alles so ist - und die Leserinnen und Leser seien versichert: Es ist so -, warum spielt dann die Literatur in der Außenwahrnehmung Nordrhein-Westfalens keine größere Rolle? Dazu vier Anmerkungen:
- Erstens: Bei aller Lebendigkeit des literarischen Lebens, das Fehlen einer geballten Ansammlung von wichtigen Verlagen lässt sich nur schwer ausgleichen;
- Zweitens: Nachhaltige Literaturförderung (wie die Arbeit des Übersetzer-Kollegiums, wie das Weiterbildungsprogramm der Literaturbüros) ist unverzichtbar, aber eben nicht geeignet, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu glänzen;
- Drittens: Die Literatur ist leider und zum Glück ein langsames Medium; sie reagiert auf gesellschaftliche Ereignisse und Veränderungen mit großer zeitlicher Verspätung; was die Tagesdiskussion beherrscht, vergeht auch mit dieser. Die großen Romane z.B. über den Strukturwandel im Ruhrgebiet, z.B. über die alltäglichen Beziehungen quer über die niederrheinisch-niederländische Grenze, z.B. über das Leben der hier geborenen Kinder türkischer Einwanderer, sie werden alle noch geschrieben werden. Einige sehr interessante existieren bereits, noch interessantere und ästhetisch noch avanciertere werden folgen; und sie werden die Aufmerksamkeit auch auf die Regionen lenken, in denen sie entstanden sind;
- Viertens: Die Literatur in Nordrhein-Westfalen leidet wie die gesamte kulturelle Landschaft unter einem Rezeptionsproblem: Es gibt kein landesweites Feuilleton. Die westfälischen Regionalzeitungen berichten nicht über das Rheinland, die rheinischen nicht über das Ruhrgebiet, die im Ruhrgebiet erscheinenden ignorieren mindestens Ostwestfalen. Keine in NRW erstellte Zeitung hat auch tatsächlich das ganze Bundesland im Blick. Wie soll da ein Bewusstsein wachsen für das, was an Qualität tatsächlich vorhanden ist? Eine landesweit angelegte und landesweit gelesene Kulturberichterstattung also als Desiderat – der beachtliche Versuch der „Süddeutschen Zeitung“, einen NRW-Teil zu erstellen, ist leider ökonomisch gescheitert. Wer wissen will, was in anderen Teilen des eigenen Bundeslandes geschieht, muss weiterhin die „FAZ“ lesen. Identitätsstiftend für das Bundesland ist das nicht.

Nehmen wir nun, zum Schluss, alles nur in allem: die Autoren, die in den Genres arbeiten, in denen Nordrhein-Westfalen besonders stark ist: Hörspiele, Kabarett, Kinder- und Jugendbücher, Kriminalliteratur; und die vielen anderen Autorinnen und Autoren (darunter die Erzählerin Ingrid Bachér, der Erzähler und Herausgeber Hans Bender, der Romanautor Frank Goosen, der Romanautor und Übersetzer Gisbert Haefs, der Erzähler Christof Hamann, die Satirikerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich, die Lyrikerin, Kabarettistin und Mutter Courage der rheinischen Literatur Karin Hempel-Soos, der Romanautor und Lyriker Thomas Hoeps, die Lyrikerin Barbara Köhler, der Lyriker Peter Maiwald, der Erzähler Andreas Mand, der Dramatiker Karl-Otto Mühl, der Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg, der Romanautor Akif Pirincci, der Romanautor Frank Schätzing, der Performancekünstler Matthias Schamp, die Lyrikerin Sabine Schoo, der Übersetzer Gregor Seferens, der Erzähler Burkhard Spinnen, der Lyriker Ralf Thenior, der Erzähler Michael Zeller); nehmen wir all' die Veranstalter und Veranstaltungen, kleine und große, Tagungen, Symposien, Bücherfrühling, -sommer, -herbst und -winter; nehmen wir, wie gesagt, alles nur in allem: Wir können mit Recht sagen, dass Nordrhein-Westfalen ein lebendiges Literaturland ist. In dem es einiges zu tun gibt.


Literaturhinweise:

- Literatur in den Rheinlanden und in Westfalen. Literatur in Nordrhein-Westfalen. 4 Bände, hg. von Joseph A. Kruse, Norbert Oellers, Hartmut Steinecke, Frankfurt am Main 1995-1998.
- Literatur-Atlas NRW. Ein Adreßbuch zur Literaturszene, hg. vom Literaturrat Nordrhein-Westfalen e.V. und der Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege, Köln 1992.

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