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Das Buch und die Autorin




EMINE SEVGI ÖZDAMAR wurde 1946 in Malatya, in der Türkei geboren. Nach der Schauspielschule in Istanbul arbeitete sie in der Regie bei Benno Besson und Matthias Langhoff an der Ostberliner Volksbühne. Es folgten Theaterengagements und Filmrollen, u.a. in Yasemin von Hark Bohm und Happy Birthday, Türke von Doris Dörrie.
Eigene Theaterstücke enstanden, in denen Özdamar die Migration thematisiert: Karagöz in Alamania (1982) und Keloglan in Alamania (1991). Neben den Romanen Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus (1992), Die Brücke vom Goldenen Horn (1998) und Seltsame Sterne starren zur Erde (2003) erschienen die beiden Erzählbände Mutterzunge (1990) und Der Hof im Spiegel (2001).





EMINE SEVGI ÖZDAMAR lebte von 1983 bis 2000 in Düsseldorf; in dieser Zeit entstand der Roman Die Brücke vom Goldenen Horn. In ihren deutschen Wörtern, die angereichert mit türkischen Sprach- und Denkmustern eine ganz eigene deutsche Sprache ergeben, beschreibt die Autorin darin, angelehnt an ihre eigene Biografie, die Erfahrungen einer jungen Türkin in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Als Gastarbeiterin kommt sie, die eigentlich Schauspielerin werden will, erstmals nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Zwischen Berlin und Istanbul, Heimweh und Erwachen, zwischen Fabrikarbeit und Schauspielschule, politischem Aufbruch und Albtraum bewegt sie sich. Özdamars Blick auf die Welt ist von einer lakonischen Naivität, die die Gefühle einer Migrantin, einer »Wandererin« im Wortsinn, ebenso spürbar macht wie die Tragik des Zeitgeschehens.


Leseprobe

Emine Sevgi Özdamar:
Die Brücke vom Goldenen Horn

Mit dem kommunistischen Heimleiter fing ein anderes Leben an. Bevor er kam, waren wir im Wonaym nur Frauen gewesen. Die Frauen suchten in den anderen Frauen die Mütter, die Schwestern oder die Stiefmütter, und wie die Schafe, die in einer Regennacht vor Blitz und Donner Angst hatten, kamen sie sich zu nah und drückten sich manchmal bis zur Atemlosigkeit. Jetzt hatten wir einen Hirten, der singen konnte. Er gab uns Bücher und sagte: »Hier, ich gebe dir meinen besten Freund.« Einer von seinen besten Freunden war Tschechow. So war er nicht der einzige Mann, den wir hatten. Mit ihm kamen in unser Frauenwonaym andere Männer: Dostojewski, Gorki, Jack London, Tolstoi, Joyce, Sartre und eine Frau, Rosa Luxemburg. Ich kannte vorher keinen von ihnen. Manche Frauen holten sich von ihm die Bücher ab, die sie vielleicht nicht lasen, aber sie liebten diese Bücher wie ein Kind, das fremde Briefmarken liebt, sie liebten es, diese Bücher in ihren Taschen zu haben, wenn sie in den Bus zur Radiolampenfabrik einstiegen.
Wenn unser kommunistischer Heimleiter mit einer Frau sprach, fing er seine Sätze immer mit dem Wort »Zucker« an. Wenn er zu mehreren Frauen sprach, sagte er »Zuckers«. »Zuckers, geht, setzt euch hin, ich komme gleich«, »Zucker, hier ist ein Brief für dich.« Die Frauen, die ihn liebten, fingen auch miteinander an, sich mit »Zucker« und »Zuckers« anzusprechen. Die Frauen, die ihn nicht liebten, sagten nicht »Zucker« zueinander. So teilte sich langsam das Frauenwonaym auf in die Frauen, die »Zucker« sagten, und in die Frauen, die nicht »Zucker« sagten. Wenn die Frauen in der Küche mit den Töpfen und Pfannen kochten, verteilten sich auch die Töpfe und Pfannen zwischen den Frauen, die sich mit »Zucker« ansprachen, und denen, die sich nicht mit »Zucker« ansprachen. Die, die »Zucker« zu sich sagten, gaben die Töpfe, nachdem sie mit dem Kochen fertig waren, den Frauen, die auch »Zucker« zu ihnen sagten, und die, die nicht »Zucker« sagten, gaben die Töpfe denen, die nicht »Zucker« sagten. Die Frauen, die »Zucker« sagten, fanden den Abend. Sie gingen nach der Fabrikarbeit jetzt nicht mehr sofort in die Nacht hinein. So teilte sich das Wonaym noch mal zwischen den Frauen, die ihre Abende hatten, und den Frauen, die über den Abend sofort in die Nacht sprangen.

© Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1998



Links

Hier gelangen Sie direkt zur Autorenseite von Emine Sevgi Özdamar beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

www.kleist.org/kleistpreis/2004

www.kuenstlerinnenpreis.nrw.de/oezdamar/oezdamar.html