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Das Buch

Inhalt: Nachdem sich der vor der Gendarmerie flüchtende Brandstifter Joseph Koljaiczek auf einem kaschubischen Kartoffelacker unter den Röcken Anna Bronskis versteckt hatte, bringt diese neun Monate später ihre Tochter Agnes zur Welt. Später heiratet Agnes den arglosen Rheinländer Alfred Matzerath, obwohl sie zugleich eine erotische Beziehung zu ihrem Vetter Jan führt. Ihr Kind Oskar Matzerath erblickt 1924 "das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen".
Von Beginn an durchschaut er die Erwachsenenwelt und beschließt an seinem dritten Geburtstag, an dem er eine Blechtrommel geschenkt bekommt, durch einen beabsichtigten Sturz von der Kellertreppe sein Wachstum einzustellen. Seine Größe, sein infantiles Benehmen und seine Blechtrommel täuschen über Oskars geistige und körperliche Reife hinweg, früh meldet sich sein sexuelles Begehren. Er erlebt die Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Reichskristallnacht und den Kriegsausbruch.
Seiner Familie bringt Oskar nur wenig Glück: Am Tod seiner Mutter sowie seiner beiden Väter ist er nicht ganz unschuldig. Bei Kriegsende beschließt Oskar Matzerath wieder zu wachsen, doch ist dieses Vorhaben nur mäßig erfolgreich: Zwar wächst er tatsächlich einige Zentimeter, doch drückt sich seine Schuld nun auch äußerlich durch Verwachsungen aus, insbesondere durch einen Buckel.
Mit seiner Stiefmutter Maria, der er vermutlich ein Kind geschenkt hat, zieht er nach Düsseldorf, wo er als Jazzschlagzeuger ein reicher Mann wird. Der Ermordung einer Krankenschwester angeklagt, wird er in die Heilanstalt eingeliefert.
Wirkung: Die Blechtrommel wurde 1959 veröffentlicht. Die Lesung aus dem Manuskript dieses Romans in der "Gruppe 47" machte Grass beinahe über Nacht berühmt. Als eines der repräsentativen Werke der westdeutschen Nachkriegsliteratur wurde der Roman in 24 Sprachen übersetzt, die weltweite Gesamtauflage wird auf über drei Millionen geschätzt. Neben der großen Masse jener, welche Die Blechtrommel als "Meisterwerk" feierten, erregte bei anderen die vermeintlich fehlende Sittlichkeit des Werks Anstoß. Wegen des Vorwurfs der Pornografie wurde Grass 1959 der Bremer Literaturpreis durch den Senat der Stadt verweigert und der Publizist Kurt Georg Ziesel erstritt sich 1968 vor Gericht das Recht, Grass "öffentlich als 'Verfasser übelster pornografischer Ferkeleien'" zu bezeichnen.
Sehr erfolgreich war die Verfilmung des Werks durch den Regisseur Volker Schlöndorff (1978/79), die mit dem Bundesfilmpreis, der Goldenen Palme und dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde.
Der Autor:

Günter Grass ist der weltweit bekannteste lebende deutschsprachige Autor mit einer Weltauflage von über zwölf Millionen. In allen literarischen Gattungen zu Hause, verbindet Grass meist satirische Gesellschaftskritik mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sein politisches Engagement, viele Jahre für die SPD, schlug sich vor allem in zahlreichen Essays und politischen Reden nieder.
Als Sohn eines Lebensmittelhändlers in Danzig geboren, besuchte Grass das dortige Gymnasium Conradinum. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er noch als Flakhelfer eingezogen, als Panzerschütze verwundet und geriet in Bayern in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde. Nachdem er im Rheinland als Landarbeiter und im Bergbau tätig gewesen war, studierte er 1948-52 Bildhauerei und Grafik bei Otto Pankok und Sepp Mages an der Kunstakademie in Düsseldorf, 1953-56 Bildhauerei bei Karl Hartung (1908-67) an der Berliner Akademie der Schönen Künste.
1955 wurde Grass Mitglied der "Gruppe 47", deren Literaturpreis er 1958 für Die Blechtrommel erhielt. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Paris gab er seine bildhauerische Arbeit auf und zog 1960 nach West-Berlin. Zwischen 1961 und 1972 unterstützte Grass mit zahlreichen effektbewussten Reden aktiv den Wahlkampf des SPD-Spitzenkandidaten Willy Brandt. SPD-Mitglied wurde er jedoch erst 1982, aus Protest gegen die Asylpolitik der Partei trat er 1992 wieder aus.
Seit 1987 wohnt Grass in Behlendorf bei Mölln. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist Grass als Romancier, vor allem durch die Danziger Trilogie ("Die Blechtrommel" 1959, "Katz und Maus" 1961 , "Hundejahre" 1963), und streitbarer politischer Mahner, zuletzt vehement vor einer übereilten Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.
Sein Gesamtwerk umfasst auch Lyrikbände (unter anderem "Die Vorzüge der Windhühner" 1956) und Theaterstücke (unter anderem "Noch zehn Minuten bis Buffalo" 1958).
1965 wurde Grass mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Quelle: Harenberg - Das Buch der 1000 Bücher, Meyers Lexikonverlag
"Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext „Es werde Licht und es ward Licht“ wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor. Bis auf den obligaten Dammriß verlief meine Geburt glatt. Mühelos befreite ich mich aus der von Müttern, Embryonen und Hebammen gleichviel geschätzten Kopflage.
Damit es sogleich gesagt sei: Ich gehörte zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muß. So unbeeinflußbar ich als Embryo nur auf mich gehört und mich im Fruchtwasser spiegelnd geachtet hatte, so kritisch lauschte ich den ersten spontanen Äußerungen der Eltern unter den Glühbirnen. Mein Ohr war hellwach. Wenn es auch klein, geknickt, verklebt und allenfalls niedlich zu benennen war, bewahrte es dennoch jede jener für mich fortan so wichtigen, weil als erste Eindrücke gebotenen Parolen. Noch mehr: Was ich mit dem Ohr einfing, bewertete ich sogleich mit winzigstem Hirn und beschloß, nachdem ich alles Gehörte genug bedacht hatte, dieses und jenes zu tun, anderes gewiß zu lassen.
»Ein Junge«, sagte jener Herr Mazerath, der in sich meinen Vater vermutete. »Er wird später einmal das Geschäft übernehmen. Jetzt wissen wir endlich, wofür wir uns so abarbeiten.«
Mama dachte weniger ans Geschäft, mehr an die Ausstattung ihres Sohnes: »Na, wußt’ ich doch, daß es ein Jungchen ist, auch wenn ich manchmal jesagt hab’, es wird ne Marjell.«
So machte ich verfrühte Bekanntschaft mit weiblicher Logik und hörte mir hinterher an: »Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen.«
(...) Äußerlich schreiend und einen Säugling blaurot vortäuschend, kam ich zu dem Entschluß, meines Vaters Vorschlag, also alles, was das Kolonialwarengeschäft betraf, schlankweg abzulehnen, den Wunsch meiner Mama jedoch zu gegebener Zeit, also anlässlich meines dritten Geburtstages, wohlwollend zu prüfen."
Günter Grass: Die Blechtrommel, Auszug aus dem Kapitel "Falter und Glühbirne"
Weitere Informationen zu Autor und Werk u.a. unter:
www.radiobremen.de/online/grass
www.steidl.de
www.dtv.de
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