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Das Buch


"In der Erinnerung" ist der dritte, in sich abgeschlossene Teil der Romantrilogie "Das Haus auf meinen Schultern". In ihr erzählt Forte von der Wanderschaft der Seidenweberfamilie Fontana und der Bergarbeiterfamilie Lukacz durch mehrere Jahrhunderte und durch ganz Europa. Die Wanderung endet in einer rheinischen Großstadt. "In der Erinnerung" spielt in der Ruinenlandschaft der unmittelbaren Nachkriegszeit; durch die Augen eines zehnjährigen Jungen gesehen. In einem Reigen aus melancholischen Wanderpredigern, ehrlichen Dieben und sprachlosen Grabrednern erlebt er den rastlosen "Neubeginn".


Der Autor

Dieter Forte wurde 1935 in Düsseldorf geboren; er lebt in Basel. Bereits sein erstes Theaterstück "Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung" wurde zu einem auf über vierzig Bühnen gespielten Welterfolg. Zu seinen weiteren dramatischen Arbeiten gehören u.a. "Das Labyrinth der Träume oder wie man den Kopf vom Körper trennt" und "Jean Henry Dunant oder Die Einführung der Zivilisation" sowie zahlreiche Hör- und Fernsehspiele. Seit den 90er Jahren schreibt Forte verstärkt Prosa. Er erhielt u.a. den Basler Literaturpreis, den Bremer Literaturpreis und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft.


Textauszug

Morgens schälten sich alle aus ihren löcherigen Decken und Militärmänteln, einer ging mit einem Blecheimer zu einem Hydranten

am Ende der Straße, wo alle ihr Wasser holen mußten, ein anderer zu einem offenen Feuer im Trümmerfeld, kochte dort mit den Essensresten des Vortages eine Wassersuppe, die Übriggebliebenen verschwanden, um etwas Eßbares aufzutreiben, meist kamen sie mit Steckrüben zurück, die an einer Sammelstelle ausgegeben wurden. Maria, seine Mutter, mit der er den Bombenkrieg und eine barbarische Flucht durch Deutschland überlebt hatte, kletterte auf die Trümmerberge und versuchte, aus zerstörten fremden Haushalten halbwegs brauchbare Dinge auszugraben, eine Schöpfkelle war eine seltene Trophäe, ein zerbeulter Kochtopf eine Sensation, ein Sieb etwas Unerhörtes. Am Nachmittag legten sich alle, um Kalorien zu sparen, wieder an die Brandmauer, wickelten sich in ihre Lumpen ein, schwiegen, führten schon mal Selbstgespräche, erzählten unvermittelt grausige Details, ernüchternde Erkenntnisse, die der Sprechende sich selbst klarzumachen versuchte. Keiner achtete darauf, ob einer zuhörte, ob die anderen wach lagen oder schliefen, es ging nur darum, die eigene Stimme zu hören in der Stille, während die anderen, in einem Dämmerzustand liegend, im Unterbewußtsein ihre Erinnerungen dazutaten, manchmal auch ins Erzählen kamen, dann aber wieder abrupt schwiegen, als könnten sie ihre Erinnerungen, von denen ihre eigene Stimme erzählte, nicht ertragen, als sei die unmenschliche Stille das geringere Übel. Oft waren da auch fremde Stimmen, Menschen, die hereinkamen, weil sie sonst auf der Straße liegen müßten, wie sie sagten, obwohl das angesichts des Zustands der Wohnung keinen Unterschied machte, man hätte genausogut auf der Straße liegen können, aber vielleicht suchten sie nur die Nähe von Menschen, das Atmen eines Schlafenden in der Nacht, in der kein Licht war.